Digitalisierung in Vorarlberger Unternehmen Experten-Interview mit Jonas Selb (RAADE)
Digitalisierung durchdringt heute alle Unternehmens-Bereiche – von internen Abläufen über Produktion bis hin zu Marketing und Service. Auch in Vorarlberg bedeutet das Herausforderung und Chance zugleich. Für unser Experten-Interview konnten wir Jonas Selb gewinnen, Gründer und Managing Partner der Raade GmbH - die Dornbirner Fullserviceagentur in den Bereichen Digitalisierung, Strategie, Business Intelligence und Hard-/Software-Engineering.
(1) RAADE bezeichnet sich als interdisziplinärer Player, der Digitalisierung, Strategie, Business Intelligence und Hard-/Software-Engineering vereint. Was macht diese Kombination für Vorarlberger Unternehmen so wertvoll?
Jonas Selb: “Der Blick über den Tellerrand - die Fähigkeit und der Zug zum Erfassen des großen Ganzen - ist Kernbestandteil unserer DNA. Wir sehen die Digitalisierung sowohl als notwendigen Rettungsring, um der internen und externen Bürokratie Herr werden zu können, als auch und vor allem als Raketenantrieb, der das Erschließen neuer Geschäftsmodelle und Serviceerlebnisse überhaupt erst ermöglicht.
Raade bietet ein 360° Betreuungs-Modell: Von der Strategie über die Entwicklung neuer Geschäftsfelder, vom Service Engineering zum Prozessdesign, über Konzeption und Umsetzung von Projekten und passenden Produkten, bis hin zur Betreuung der Stakeholder bei der Einführung. Auch die Verkaufsstrategie und die Ausbildung der Verkaufsmannschaft in digitalen Lösungen machen wir für unsere Kunden.
(2) Welche typischen Hemmnisse erleben Sie bei KMUs in der Region, wenn es um Digitalisierung geht, und in welchen Unternehmens-Bereichen sehen Sie die größten Digitalisierungslücken?
Jonas Selb: “Ich teile Unternehmer in drei Digitalisierungs-Typen ein - die Verweigerer, die Halbherzigen und die Visionäre. Die Verweigerer setzen nur um, wozu sie gezwungen sind. Sie schicken eine Rechnung jetzt im PDF-Format - und werden schon bald modernen Ansprüchen nicht mehr gewachsen sein. Die Halbherzigen setzen einzelne Maßnahmen um, kopieren den Großteil von anderen, aber ihnen fehlen Vision und Strategie dahinter. Die Visionäre setzen ihre unternehmerische Lösungskreativität ein und kreieren neue Produkte, Dienstleistungen, Service Levels, Erlebnisse etc. mit digitalen Mitteln. Dabei geht es nicht einfach darum, technikaffine Kundschaft abzuholen. Das erwartete Kundenerlebnis ist heutzutage einfach total anders: Der B2B Kunde von heute ist der B2C-Luxuskunde von gestern. Die Visionäre also haben eine Vision und arbeiten Strategien aus. Sie tun neue Nischen auf. Ich bin überzeugt, dass diese nicht nur überleben, sondern brillieren werden - weit über die Region hinaus.
Als das größte Hemmnis erachte ich in der Region den Wechsel im Mindset zu visionärem Umgang mit der Digitalisierung – weg von der Pflichtübung.”
(3) Künstliche Intelligenz stellt auch Vorarlberger Unternehmen vor neue Herausforderungen. Wie nutzt RAADE bereits KI, und welche Potenziale sehen Sie für die regionale Wirtschaft?
Jonas Selb: “Wir sind seit jeher stolz darauf, neugierig und innovationsbegeistert, aber hype-resistent zu sein. Wir haben daher schon vor mehr als einer Dekade auf selbstlernende Datenbanken, Deep Learning usw. gesetzt. Hier beackern wir riesige Anwendungsfelder – von der vollautomatisierten Produktprüfung über prädiktive Produktionsplanung und Logistikautomatisierung bis hin zur automatisierten Verarbeitung von Anfragen und Aufträgen. Für mich liegt das Potenzial der KI nicht darin, dass ich offensichtlich vorgenerierte Antworten auf meine E-Mails bekomme. Vielmehr lassen sich mit KI wirklich neue Produkte und Dienstleistungen kreieren - hier liegt der zu hebende Schatz!”
(4) Wenn Sie auf Ihre Erfahrung aus über zehn Jahren Digitalisierungs-Projekten zurückblicken - welche drei zentralen Learnings geben Sie einem Geschäftsführer bzw. einer Geschäftsführerin mit auf den Weg, der oder die gerade erst beginnt?
Jonas Selb: “Erstens: Stell die Kunden in den Fokus und nutze alle modernen Mittel, um sie glücklich zu machen und ihnen etwas Besonderes zu bieten. Wir werden alle immer anspruchsvoller. Wer Außergewöhnliches nicht nur im Kernprodukt, sondern auf allen Ebenen bieten kann, gewinnt.
Zweitens ist und wird Vergleichbarkeit auch „im Ländle“ immer globaler. Den Schuh der Preisführerschaft können wir uns in unseren Breitengraden kaum anziehen. Somit ist es essenziell, die eigenen Alleinstellungsmerkmale (USPs) gegenüber der Konkurrenz zu kennen und auf die Spitze zu treiben. Zu prüfen, wo man in der Matrix „Vertrieb & Marketing – Qualität – Service – Geschwindigkeit“ steht und Verbesserungen in diesen vier Bereichen unermüdlich voranzutreiben, sollte tägliche Übung sein.
Drittens: Mein beruflicher Leitspruch ist – Menschen das machen lassen, was Menschen gut machen und Computer machen lassen, was Computer gut machen. Diesen würde ich jedem und jeder mitgeben.”
Vielen Dank, Herr Selb, für Ihre Expertise.